Virtual Reality und Immersion – Darf es noch etwas mehr sein?

Wer sich für den Bereich Virtual Reality interessiert, stößt früher oder später auf den Begriff der Immersion. Dieses große und seit langem verfolgte Ziel, sich komplett in eine digitale Welt zu begeben und ein Teil von ihr zu werden, schien bisher fast unerreichbar.

Der große Erfolg von Virtual Reality Systemen in den letzten Jahren hat jedoch neuen Treibstoff für die Bestrebungen nach echter Immersion geschaffen. Zum ersten Mal rückt die Möglichkeit, sich vollständig auf ein Videospiel oder andere digitale Welten einzulassen und sich wie ein Teil von ihnen zu fühlen in greifbare Nähe.

Aber wie steht es eigentlich um die technische Machbarkeit, was braucht es, um wirklich Teil einer virtuellen Welt zu werden, und was hält uns bisher noch davon ab? Diesen und weiteren Fragen wollen wir heute genauer nachgehen!

Was ist eigentlich Immersion?

Videospiele erfreuen sich bereits seit Jahrzehnten gewaltiger Beliebtheit, aber sie sind bis heute immer genau das geblieben – Spiele. Zu jedem Zeitpunkt ist klar, dass die Figur, die wir durch das Bewegen von Tasten, Controllern und Co. steuern, eine rein digitale Darstellung ist. Wir laufen dabei (im Normalfall) nicht Gefahr, uns selbst oder unsere Umwelt mit der des Spiels zu verwechseln.

Eine vollständige Immersion würde jedoch genau das bewirken: Durch ein breites Arsenal von technischen Möglichkeiten befänden wir uns mitten in einer Spielwelt, einem digitalen Rundgang oder einer beliebigen anderen Anwendung und würden diese wie unsere echte Umgebung wahrnehmen.

Nicht nur in Wasser kann man eintauchen – Immersion meint mit allen Sinnen erleben

Ob dieses völlige “Eintauchen” in eine digitale Realität bereits möglich ist, hängt zu weiten Teilen von der persönlichen Definition des Begriffs ab. Denn bei heutigen Videospielen auf PC und Spielekonsole findet eine Form von Immersion bereits statt: Ist der Spieler vom Gegner – egal, ob es sich dabei um eine andere Person oder das Spielsystem handelt – herausgefordert, versinken wir schnell in unserer Aufgabe und vergessen die Welt um uns herum.

Selbst bei Brettspielen oder dem Lesen von Büchern kann es bereits zu einer solchen Identifikation mit der vor uns liegenden Welt kommen. Dabei übernimmt unser Gehirn mit seinem Vorstellungsvermögen und Fantasie die Aufgabe, uns in eine neue Umgebung zu versetzen.

Der Immersionsbegriff, wie er im Kontext von virtueller Realität gebraucht wird, ist jedoch weit schwieriger zu erreichen! Hierfür benötigen wir deutlich mehr technische Hilfsmittel, sodass letztlich unser Gehirn nicht mehr die “Arbeit” leisten und die Fantasiewelt selbst erzeugen, sondern sie nur noch erleben muss.

Eine Aufgabe für alle Sinne

Für die Person, die in die digitale Welt eintauchen möchte, stellt sich naturgemäß die Frage nach dem sinnvollen Verhältnis zwischen Aufwand und Ergebnis. Soviel Vorneweg: Ja, es ist theoretisch möglich, alle Sinne anzusprechen und so eine völlige Immersion zu ermöglichen. Die technischen Schwierigkeiten sind dabei jedoch genauso enorm wie der finanzielle Aufwand.

Während nämlich eine VR-Brille samt dem dazugehörigen Computer oder Spielekonsole längst für viele erschwinglich ist, sind andere, weniger wichtige Systeme, wie zum Beispiel Geruchssimulatoren noch absolute Nischenprodukte. In der Regel wird auf solch ausgefallenen und teuren Geräte jedoch verzichtet und das Eintauchen in die digitale Welt durch die drei Funktionen Sehen, Hören und Bewegen realisiert.

Moderne Virtual-Reality Anwendungen liefern hierzu bereits die beiden wichtigsten Möglichkeiten: Sie erlauben es uns, die Spielwelt oder sonstige digitale Darstellung zu sehen und durch die integrierten Lautsprecher zu hören. Da wir uns, mit einer solchen Brille auf dem Kopf, in alle Richtungen umsehen können und stets das passende Bild vor Augen haben, ist unser Seh-Sinn bereits “eingetaucht” – der wichtigste Schritt ist damit getan.

Dank typischer Surround-Technologie trägt auch dieser Klang dazu bei, dass sich der Nutzer in einer neuen Umgebung wähnt. Denn Geräusche können hier, ähnlich wie etwa im Kinosaal, konkreten Richtungen zugeordnet werden. Da das Sehen und Hören für uns die primären Sinneseindrücke bilden, ist das Ziel der Immersion damit schon beinahe erreicht.

Da wir jedoch nicht nur an einem Fleck stehen und uns umsehen wollen, ist früher oder später eine Form der Bewegung innerhalb der digitalen Darstellung erforderlich. Hier beginnt es, kompliziert zu werden: derzeit machen einfache Controller, die in der Hand gehalten werden, noch den überwiegenden Teil der Endgeräte aus.

Ist die Art, in der wir uns durch die digitale Darstellung bewegen, jedoch kontraintuitiv oder schwerfällig, zieht sie uns immer wieder zurück in die Realität. Welchen Knopf muss ich noch gleich drücken, um in die Luft zu springen? Wie bewege ich mich Rückwärts? Und warum ist es so schwierig, mit den unhandlichen Eingabegeräten ein Objekt in der Spielwelt aufzuheben? Diese und ähnliche Probleme bei der Interaktion mit der dargestellten Simulation machen uns immer wieder bewusst, dass es sich hierbei lediglich um ein Spiel handelt und verhindern so ein vollständiges Einlassen auf die virtuelle Welt.

Für eine echte Immersion sind daher entsprechende Sensoren notwendig, die unsere natürlichen Bewegungen erfassen und in die Spielwelt übertragen. Solche Systeme sind, sowohl was die Anschaffungskosten als auch den Installationsaufwand betrifft, deutlich anspruchsvoller und dementsprechend auch seltener anzutreffen.

(Virtuelle) Realität vs. Wunschtraum

Durch die drastisch gesunkenen Preise hochwertiger Virtual Reality Brillen und der dazugehörigen Systeme können Privatpersonen verhältnismäßig einfach ein recht hohes Maß an Immersion erleben. Sogar die günstigste Variante, die Verwendung eines leistungsfähigen Smartphones in einer Brillen-Konstruktion, kann bereits ansprechende Ergebnisse liefern.

Werden durch die typischen VR-Brillen Simulationen, Rundgänge oder Spiele betrachtet, gelingt es uns durchaus, unsere Umwelt vorübergehend auszublenden und in das digitale Erlebnis einzutauchen. Da Immersion kein ganz-oder-gar nicht Vorgang ist, sondern in unterschiedlichen Intensitäten funktionieren kann, ist dieses Ergebnis für viele Nutzer bereits mehr als ausreichend.

Besonders ambitionierte Anwender investieren jedoch in verbesserte Sensoren, um eine einfachere und natürliche Steuerung innerhalb der digitalen Welt zu ermöglichen. Diese werden, ähnlich Dolby-Surround-Boxen, nach Vorgabe im Raum verteilt und erfassen die Bewegungen des Nutzers. Noch umfangreichere Systeme sind verfügbar, aber allein schon aufgrund der drastisch ansteigenden Kosten sehr selten zu finden.

Hochwertige VR Systeme gibt es schon für ein paar 100 €

Zu diesen “Premium-Geräten” zählen etwa omnidirektionale Laufbänder, die dem Nutzer ermöglichen, in alle Richtungen zu laufen. Natürlich wird auch diese Bewegung in die virtuelle Realität übertragen und sorgt für eine stärkere Immersion. Auch ganz neue Anwendungsfälle, wie die sportliche Betätigung, werden plötzlich möglich.

Wer mit mehr Fingerspitzengefühl an die Sache herangehen möchte, setzt zusätzlich auf Sensorhandschuhe, die eine bessere Kontrolle der virtuellen Hände ermöglichen. Auch Haptische Systeme, die uns Oberflächen tatsächlich spüren lassen, können in solche Handschuhe integriert werden.

Für eine vollständige Immersion wären ebenfalls eine Simulation von Wind, Wärme, Kälte und Gerüchen nötig. Technisch durchaus realisierbar, sind die dafür nötigen Geräte für Heimanwendungen jedoch kaum zu finden und eine sinnvolle Integration in bestehende Virtual Reality Systeme oft eher schwierig. Dieses Level an Simulation bleibt daher eher technisch begabten Bastlern sowie teuren Attraktionen in Vergnügungsparks und Spielhallen vorbehalten.

Endlose Anwendungsfälle

Auch ohne den Einsatz der ungewöhnlichen und aufwendigen Extras ist das Immersionserlebnis, dass im Handel erhältliche VR-Brillen zusammen mit den verbundenen Computern oder Spielekonsolen bieten, beeindruckend. Dabei profitiert die dazugehörige Industrie vor allem durch die Beliebtheit in Videospielen massiv. Das bedeutet aber keineswegs, dass es neben Virtual Reality-Spielen keine anderen Anwendungsfälle gäbe!

Das vollständige Eintauchen in eine digitale Welt ist generell immer dann von Vorteil, wenn das Umsetzen eines Szenarios in der Realität schwierig oder gar unmöglich wäre. Kein Wunder also, dass Immersion in Bereichen eingesetzt wird, in denen Menschen auf schwierige, gefährliche oder seltene Situationen vorbereitet werden.

Im Katastrophenschutz, der Notfallmedizin und ähnlichen Aufgabengebieten lassen sich unterschiedliche Krisen simulieren und helfen den beteiligten Personen so, korrektes Vorgehen und Handlungen zu trainieren und im Ernstfall einen kühlen Kopf zu bewahren. Auf die gleiche Logik setzt außerdem das Militär, um Piloten, Soldaten und technisches Personal auf eine Vielzahl von täglichen Aufgaben ebenso wie Extremsituationen vorzubereiten.

Besonders hilfreich ist Immersion zum Abbau von Ängsten und der Linderung psychischer und emotionaler Probleme. Die Möglichkeiten in der Unterstützung und Intensivierung von Therapien sind weit gefächert. Sogar in der Behandlung physischer Schmerzen kann das Eintauchen in eine Simulation helfen.

Auch E-Commerce Unternehmen nutzen das Konzept der Immersion so weit wie möglich, um Kunden auch Online ein möglichst realistisches Einkaufserlebnis zu bieten. Virtual Reality-Einkauf bietet dabei einige Vorteile gegenüber der Betrachtung von Online-Shops auf dem Bildschirm eines Smartphones oder Computers: Durch das Erleben eines Produkts in einer digitalen Welt, in die man dank technischer Möglichkeiten eintauchen kann, versprechen sich Anbieter höhere Verkaufszahlen. Ob diese allerdings an der Überlegenheit der Darstellung oder lediglich am (vorübergehend) innovativen Charakter liegen, muss sich erst zeigen.

Zu den größten Interessenten immersiver Technologie gehört außerdem die Unterhaltungsindustrie (Abseits der Videospiele). Interaktives Storytelling, bei dem der Zuschauer Teil der Geschichte ist oder sich frei durch die jeweilige Erzählung bewegen kann, eröffnet völlig neue Möglichkeiten für Filmemacher und Co.

Während nämlich schon in der Vergangenheit besonders viszerale Filme einen starken Immersioneffekt auf den Zuschauer ausübten, sind solche Produktionen in einer Darstellung, die uns vollständig umgibt, noch um ein vielfaches Eindrucksvoller. Es ist daher nicht überraschend, dass auch die Erotik-Branche die Zeichen der Zeit erkannt hat und ein stetig wachsendes Angebot an “Unterhaltung” produziert, die aktuelle technische Möglichkeiten voll ausreizt.

Die Präsentation von Kunstobjekten zum Beispiel im Rahmen von Museumsrundgängen, Theatervorstellungen oder der Besichtigung historischer oder kulturell wertvoller Örtlichkeiten ist ebenfalls ein stark wachsender Anwendungszweig der immersiven Technologie. Gerade während der weltweiten Covid-Pandemie stieg die Anzahl an Person, die auf diese Weise von der Sicherheit der eigenen Wohnung aus Kultur und Geschichte erkundeten, sprunghaft an.

Berechtigte Zweifel

Dank der teilweise bahnbrechenden Anwendungsfällen und dem hohen Unterhaltungswert erfreut sich immersive Technologie großer Beliebtheit – dies macht sich in den steigenden Verkaufszahlen von Virtual Reality Geräten und Co. ebenso bemerkbar wie in der ständig steigenden Anzahl von Spielen, Simulationen und Rundgängen.

Gleichzeitig darf jedoch nicht vergessen werden, dass ein tieferes Eintauchen in eine virtuelle Welt auch zahlreiche Probleme verstärken kann, die bereits heute schon gravierende Folgen haben: Videospielsucht ist eine anerkannte Krankheit, die hunderttausende von Menschen weltweit schwer belastet. Mit fortschreitender Verbesserung der Systeme wird ein immer eindrucksvolleres, virtuelles Erlebnis ermöglicht, dass ein verlassen der Spielwelt weiter erschwert.

Auch moralische Fragen tun sich auf, wenn eine immer fesselndere Simulation die Grenzen zur Realität verschwimmen lässt: Gewalt, Verbrechen und moralisch fragwürdige Handlungen sind seit jeher ein Bestandteil vieler Videospiele. Mit steigender Immersion nehmen auch die Spieler diese Vorgänge immer stärker als ihre eigenen wahr. Das durch eine derart intensive und wirklichkeitsnahe Darstellung auch die Hemmschwelle in der echten Welt sinken könnte, ist eine plausible Annahme.

Wo die Reise hingeht

Aktuelle, erschwingliche Virtual Reality Angebote ermöglichen ein vergleichsweise hohes Maß an Immersion, dass vielen Gelegenheitsanwendern eindrucksvolle und unterhaltsame Freizeitbeschäftigung bietet oder von Institutionen zur Aus- und Weiterbildung sowie der Behandlung von Patienten dient.

Die technischen Möglichkeiten verbessern sich dabei stetig (höhere Auflösung der Bildschirme, detailreichere Welten etc.) und neue kommen hinzu: Dank der fortschreitenden Entwicklung künstlicher Intelligenz gehört etwa die intelligente Spracherkennung mehr und mehr zum Standard immersive Simulationen und Spiele.

Um ein volles Eintauchen in eine virtuelle Welt zu ermöglichen, die nicht mehr als Simulation zu erkennen ist (wie es zum Beispiel im Film “Matrix” dargestellt wird), wäre eine direkte Verbindung zum zentralen Nervensystem nötig. Durch künstliche Nervenimpulse würde der Anwender dieselben Sinneseindrücke erleben, die auch in der Realität auf ihn eintreffen.

Obwohl bereits erste funktionierende Systeme eine grundlegende Verbindung zwischen Computer und Mensch ermöglichen und zum Beispiel eine rudimentäre Steuerung durch Hirnströme erlauben, ist ein solches Szenario noch in weiter Ferne. Nicht nur die Technik zu einer solchen Verbindung; auch die dafür benötigte Rechenleistung ist aktuell noch Zukunftsmusik.